AC/DC: Bad Boy Boogies

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AC/DC: Bad Boy Boogies

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Die Verkäufe stagnierten und ihr Label wollte sie nicht mehr unterstützen. Da gab es nur noch eines, was AC/DC tun konnten: Rocken. Härter denn je.

Die ganze Geschichte von AC/DC findet ihr hier auf 148 Seiten in unserem Sonderheft über die größte Rockband aller Zeiten.

Nachdem sich die Plattenfirma geweigert hatte, DIRTY DEEDS DONE DIRT CHEAP in den USA zu veröffentlichen, einfach weil sie es für nicht gut genug hielt, ging es für AC/DC um
alles. Das Problem gingen sie in einer für sie sehr typischen Weise an: Statt zugänglicher zu werden – was Atlantic verlangte, um in den USA ins Radio zu kommen –, legten sie noch eine Schippe drauf und ihr bislang härtestes, kompromisslosestes Album vor. Und das war ein lauter, mit zwei er hobenen Mittelfingern servierter Gruß an ihre Kritiker mit einem angemessen trotzigen Titel: LET THERE BE ROCK.

„Es herrschte immer eine Belagerungsmentalität in der Band“, sagt ihr damaliger Bassist Mark Evans. „Als wir erfuhren, dass Atlantic uns eine Abfuhr erteilt hatte, war unsere Einstellung: ‚Fuck them! Wer zur Hölle denken die, wer sie sind?‘“ Diese Haltung hört man auf der gesamten Platte. Das beginnt mit dem Klang eines Whisky bechernden Bon, der das Intro zum heftigen ›Go Down‹ anzählt – ein Stück über ein echtes Groupie aus Melbourne namens Ruby (alias Ruby Lips, echter Name Wendy), die offenbar für eine Vorliebe bekannt war, die eloquent als „lickin’ at that lickin’ stick“ beschrieben wurde. Doch es gab auch eine dunklere, aggressivere Seite, etwa auf ›Dog Eat Dog‹ („Businessman when you make a deal/Do you know who you can trust?“) und ›Bad Boy Boogie‹ („I said up/ They said down/I do the bad boy boogie/All over town“), bei dem Bons Gehässigkeit auf Angus’ furioses Solo trifft und der Rest der Band drauflos hämmert, als würden sie direkt mit den Erbsenzählern in New York sprechen.


Ihren Sinn für Humor hatten sie natürlich trotzdem nicht verloren – siehe das umwerfende
Titelstück. Buzz Bidstrup, Schlagzeuger bei The Angels, erinnert sich, wie er das Studio besuchte und sah, wie Angus das Solo aufnahm, während er „über alle Verstärker kletterte und sich auf dem Boden herumwälzte“. Angus wiederum erinnerte sich später daran, dass am Ende des ›Let There Be Rock‹-Takes „Rauch aus dem fucking Verstärker kam. Er war geschmolzen“, lachte er. Doch für Mark Evans hieß der wahre Held dieses Songs Phil Rudd. „Wir machten zwei Takes, und ich weiß noch, wie ich am Ende des ersten dachte: ‚Phil ist
jetzt erst mal für ein paar Stunden hinüber‘. Doch Phil sagte: ‚Los, gleich noch mal!‘ Ich dachte, er würde verdammt noch mal explodieren! Sie haben dann den zweiten Take genommen.“

Das komplette Album klingt, als stehe alles kurz davor, in totales Chaos abzugleiten. Es wurde live aufgenommen und Fehler wurden toleriert, wenn das Feeling passte. Auf Tracks wie dem stampfenden ›Overdose‹ mit seinem stolprigen Intro voller Feedback oder ›Hell Ain’t A Bad Place To Be‹ mit seinem ohrfeigenden Monster-Riff kann man die Energie förmlich in den Lautsprechern knistern hören. „Für mich ist es ihr ›Brown Sugar‹“, so Evans. „Wenn man Purist ist und es mag, wenn die Gitarren perfekt gestimmt sind
und alles total studiosteril klingt, wird einen so ein Song umbringen, denn die Gitarren sind eben alles andere als perfekt. Doch er hat eben genau dieses fiese, kernige Gefühl, der ihn zu einem echten AC/DC-Lied macht.“ Das Beste hoben sie sich allerdings für das Ende auf: ›Whole Lotta Rosie‹, über eine weitere, tatsächlich existierende Verehrerin von Bons „lickin’ stick“. Allerdings eine, die „120 kg wiegt“. Mit seinem Stakkato-Intro, das förmlich nach
Ärger suchte, und dem verschlagenen Gesang wurde dieser Song ihr Markenzeichen und definierte die Band als animalistisch wie nie zuvor, aber auch transzendent – ganz ähnlich, wie es ›Whole Lotta Love‹, an dessen Titel er frech an gelehnt war, für Led Zeppelin getan hatte.

Auch hier fand sich ein Stück, das als zu schmutzig für amerikanische Ohren erachtet wurde: ›Crabsody In Blue‹, ein swingender Blues über Bons sexuellen Lebenslauf, seit er berühmt geworden war: „Well, they move on down and they crawl around“. „Crabs“, so nennt man im Englischen Filzläuse … Für die US-Version wurde diese Ode an unliebsame Mitbewohner mit ›Problem Child‹ von DIRTY DEEDS ersetzt. Arme Schweine. LET THERE BE ROCK war das erste Album von AC/DC, das in Australien nicht die Top 10 erreichte. In Großbritannien stieg es bis auf Platz 17 und in den USA verfehlte es sogar die Top 100.
Trotzdem ist es bis heute einer ihrer absoluten Meilensteine – ihr erster echter Klassiker, ganz ohne Füllmaterial. Eine Zeitlang schienen die Chancen schlecht zu stehen, dass sie einen ebenbürtigen Nachfolger abliefern würden.

Mark Evans wurde gefeuert und durch den Engländer Cliff Williams ersetzt – der aber kein Visum bekam, um in Australien aufzutreten. Atlantic in New York wollten, dass Bon Scott ebenfalls rausfliegt, und gaben nun seinem Gesang die Schuld dafür, dass die Band nicht im Radio lief. Doch ein weiteres Mal beschlossen die Gebrüder Young, standhaft zu bleiben und alle Zweifler Lügen zu strafen. Und das taten sie ziemlich spektakulär mit POWERAGE. Als sie im Januar 1978 bereit waren, wieder ins Studio zu gehen, wussten Malcolm und Angus, dass sie diesmal mehr tun mussten als mit leeren Händen aufzukreuzen, alles so gut wie möglich in einem Sperrfeuer von Alk und Kippen zusammenzuschustern und mit typisch australischer Hemdsärmeligkeit auf der Stelle zu erfinden.

POWERAGE musste ihr bislang härtestes Werk werden, aber auch ihr musikalischstes. Es musste zeigen, wozu sie fähig waren, und beweisen, dass sie etwas an den Tag legen konnten, was ihnen von der Kritik abgesprochen worden war: eine hörbare Weiterentwicklung.

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